Einführung#
In diesem Kapitel lernst du die Grundkonzepte und die Philosophie des Kontext Moduls kennen.
Was ist der Kontext?#
Der Kontext (Geschäftskontext) hilft dir, die relevanten Rahmenbedingungen deines Unternehmens zu verstehen und zu dokumentieren. Es ist ein zentrales Werkzeug für:
- Interessierte Parteien (Stakeholder) identifizieren und bewerten
- Interne und externe Themen erfassen und verwalten
- Zusammenhänge zwischen Stakeholdern, Themen und Prozessen herstellen
- Strategische Analysen (SWOT) mit Kontext verknüpfen
Typische Anwendungsfälle#
Der Kontext ist besonders wichtig für:
- Qualitätsmanagement (ISO 9001): Kontext der Organisation (Kapitel 4.1 und 4.2)
- Umweltmanagement (ISO 14001): Kontext der Organisation
- Integrierte Managementsysteme: Ganzheitliche Betrachtung
- Strategische Planung: Stakeholder-Analyse und Themenmanagement
- Prozessmanagement: Verknüpfung von Prozessen mit Stakeholdern und Themen
Warum ist der Kontext wichtig?#
ISO 9001:2015 Anforderungen#
Die ISO 9001:2015 verlangt in Kapitel 4:
4.1 Verstehen der Organisation und ihres Kontextes Die Organisation muss externe und interne Themen bestimmen, die für ihren Zweck und ihre strategische Ausrichtung relevant sind.
4.2 Verstehen der Erfordernisse und Erwartungen interessierter Parteien Die Organisation muss bestimmen:
- welche interessierten Parteien für das QM-System relevant sind
- welche Anforderungen diese interessierten Parteien haben
Praktischer Nutzen#
Ohne Kontext:
- ❌ Stakeholder-Erwartungen sind unklar
- ❌ Wichtige Themen werden übersehen
- ❌ Prozesse haben keinen erkennbaren Kontext
- ❌ Audit-Fragen können nicht beantwortet werden
Mit Kontext:
- ✅ Stakeholder sind identifiziert und bewertet
- ✅ Alle relevanten Themen sind dokumentiert
- ✅ Prozesse sind mit Stakeholdern und Themen verknüpft
- ✅ Audit-Nachweis ist vorhanden
Kernkomponenten#
1. Interessierte Parteien (Stakeholder)#
Interessierte Parteien sind Personen, Gruppen oder Organisationen, die:
- Einfluss auf dein Unternehmen haben
- Interesse an deinem Unternehmen zeigen
- Von deinem Unternehmen beeinflusst werden
Eigenschaften:
- Name: Bezeichnung der interessierten Partei (z.B. “Kunden”, “Lieferanten”, “Behörden”)
- Beschreibung: Detaillierte Informationen über die Partei
- Interesse am Unternehmen: Bewertung von klein (1) bis gross (3)
- Einfluss auf das Unternehmen: Bewertung von klein (1) bis gross (3)
- Bewertung (Rating): Automatisch berechnet (Interesse × Einfluss)
- Farbcodierung: Visuelles Prioritäts-System (grün, orange, rot)
- Verantwortung: Zugeordnete Funktionen
- Verknüpfte Prozesse: Welche Prozesse adressieren diese Stakeholder
- SWOT-Analysen: Strategische Einschätzungen im Kontext
Beispiele:
| Stakeholder | Interesse | Einfluss | Rating | Farbe |
|---|---|---|---|---|
| Kunden | gross (3) | gross (3) | 9 | 🔴 Rot |
| Lieferanten | mittel (2) | mittel (2) | 4 | 🟢 Grün |
| Behörden | klein (1) | gross (3) | 3 | 🟢 Grün |
| Mitarbeitende | gross (3) | mittel (2) | 6 | 🟠 Orange |
Bewertungslogik:
Rating = Interesse × Einfluss Farbcodierung: ├─ Rating < 4: 🟢 Grün (niedrige Priorität) ├─ Rating 4-7: 🟠 Orange (mittlere Priorität) └─ Rating > 7: 🔴 Rot (hohe Priorität)
2. Themenarten (Issue Types)#
Themenarten kategorisieren relevante Themen in logische Gruppen.
Eigenschaften:
- Name: Bezeichnung der Kategorie (z.B. “Interne Themen”, “Externe Themen”)
- Beschreibung: Erklärung der Kategorie
- Reihenfolge: Sortierung in der Darstellung
Standard-Themenarten:
- Interne Themen: Themen, die innerhalb des Unternehmens entstehen
- Externe Themen: Themen aus der Umwelt des Unternehmens
Beispiele für interne Themen:
- Unternehmenskultur
- Verfügbare Ressourcen
- Wissen und Kompetenzen
- Prozessreife
- Technologische Infrastruktur
Beispiele für externe Themen:
- Wirtschaftslage
- Regulatorische Anforderungen
- Technologische Entwicklungen
- Wettbewerbssituation
- Kundenbedürfnisse
3. Themen (Issues)#
Themen sind konkrete interne oder externe Faktoren, die für dein Unternehmen relevant sind.
Eigenschaften:
- Titel: Kurze Bezeichnung des Themas
- Beschreibung: Detaillierte Erklärung
- Typ: Zuordnung zu einer oder mehreren Themenarten
- Verantwortung: Zugeordnete Funktionen
- Verknüpfte Prozesse: Welche Prozesse adressieren dieses Thema
- SWOT-Analysen: Strategische Einschätzungen zum Thema
Beispiele:
| Thema | Typ | Beschreibung |
|---|---|---|
| Fachkräftemangel | Extern | Schwierigkeiten bei Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter |
| Digitalisierung | Extern | Zunehmende Digitalisierung in der Branche |
| Prozessreife | Intern | Aktueller Reifegrad der Geschäftsprozesse |
| Remote Work | Intern | Zunehmende Home-Office Nutzung |
Hierarchie und Beziehungen#
Datenmodell#
┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Interessierte Parteien (InterestedParty) │
│ ├─ Name, Beschreibung │
│ ├─ Interesse (1-3) │
│ ├─ Einfluss (1-3) │
│ ├─ Rating (berechnet) │
│ ├─ Farbcodierung (grün/orange/rot) │
│ ├─ Verantwortung (→ Funktionen) │
│ ├─ Verknüpfte Prozesse (← Prozesse) │
│ └─ SWOT-Analysen (← Einschätzungen) │
└─────────────────────────────────────────────────────┘
│
├─ Many-to-Many
↓
┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Funktionen (Organisation) │
│ Verantwortliche Rollen im Unternehmen │
└─────────────────────────────────────────────────────┘
┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Themenarten (IssueType) │
│ ├─ Name (z.B. "Interne Themen") │
│ └─ Beschreibung │
└─────────────────────────────────────────────────────┘
│
├─ One-to-Many
↓
┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Themen (Issue) │
│ ├─ Titel, Beschreibung │
│ ├─ Typ (→ IssueType) │
│ ├─ Verantwortung (→ Funktionen) │
│ ├─ Verknüpfte Prozesse (← Prozesse) │
│ └─ SWOT-Analysen (← Einschätzungen) │
└─────────────────────────────────────────────────────┘
Integrationen#
Prozess-Integration:
- Prozesse können interessierte Parteien referenzieren
- Prozesse können Themen referenzieren
- Bidirektionale Verlinkung ermöglicht Traceability
SWOT-Integration:
- SWOT-Einschätzungen können mit Stakeholdern verknüpft werden
- SWOT-Einschätzungen können mit Themen verknüpft werden
- Farbcodierung (grün/orange/rot) für Risikobewertung
Organisations-Integration:
- Funktionen können Verantwortung für Stakeholder übernehmen
- Funktionen können Verantwortung für Themen übernehmen
Dashboard-Ansicht#
Das Kontext Dashboard ist die zentrale Übersicht über:
Interessierte Parteien Tabelle#
Zeigt alle Stakeholder mit:
- Name und Beschreibung
- Interesse am Unternehmen (klein/mittel/gross)
- Einfluss auf das Unternehmen (klein/mittel/gross)
- Verantwortliche Funktionen
- Benötigte Prozesse
- Verknüpfte SWOT-Analysen (mit Farbcodierung)
Themen nach Typ#
Für jede Themenart (z.B. “Interne Themen”, “Externe Themen”):
- Liste aller Themen dieser Kategorie
- Beschreibung
- Verantwortliche Funktionen
- Benötigte Prozesse
- Verknüpfte SWOT-Analysen
Berechtigungen#
Das Kontext Modul verwendet ein einfaches Berechtigungssystem mit View, Add, Change und Delete Rechten.
Detaillierte Informationen:
- Vollständige Berechtigungsdokumentation: Kapitel 5: Berechtigungskonzept
- Empfohlene Benutzergruppen und Rollen
- Typische Berechtigungsszenarien
- Troubleshooting und Best Practices
Schnellübersicht:
- View: Dashboard und Objekte ansehen
- Add: Neue Stakeholder/Themen erstellen
- Change: Bestehende Einträge bearbeiten
- Delete: Objekte löschen + Historie-Zugriff
Audit-Logging#
Alle Änderungen werden automatisch protokolliert:
- Wer hat geändert (Benutzer)
- Was wurde geändert (Feld, alter/neuer Wert)
- Wann erfolgte die Änderung (Zeitstempel)
Zugriff auf Historie:
Die Änderungshistorie ist verfügbar über:
- Kontext → Historie (erfordert Delete-Berechtigung)
- Zeigt chronologische Änderungen an allen Objekten
- Hilfreich für Audits und Nachvollziehbarkeit
Wichtige Konzepte#
Stakeholder-Priorisierung#
Die Kombination aus Interesse und Einfluss ermöglicht eine systematische Priorisierung:
Hohe Priorität (Rot):
Stakeholder mit hohem Interesse UND hohem Einfluss (Rating > 7)
→ Erfordern intensive Kommunikation und Management
Mittlere Priorität (Orange):
Stakeholder mit mittlerem Interesse/Einfluss (Rating 4-7)
→ Regelmässige Information und Monitoring
Niedrige Priorität (Grün):
Stakeholder mit geringem Interesse/Einfluss (Rating < 4)
→ Gelegentliche Information ausreichend
Themenmanagement#
Strukturierte Erfassung von:
- Chancen: Externe Themen, die Potenziale bieten
- Risiken: Externe Themen, die Gefahren darstellen
- Stärken: Interne Themen, die Vorteile bringen
- Schwächen: Interne Themen, die verbessert werden müssen
Prozess-Traceability#
Verknüpfung von Stakeholdern und Themen mit Prozessen:
- Welche Prozesse adressieren welche Stakeholder?
- Welche Prozesse behandeln welche Themen?
- Wo sind Lücken in der Prozesslandschaft?
Nächste Schritte#
Jetzt, wo du die Konzepte kennst, lerne im nächsten Kapitel:
- Hauptfunktionen: Detaillierte Funktionsbeschreibungen
- Arbeitsablauf: Typische Workflows und Szenarien
- Best Practices: Bewährte Methoden und Tipps
Tipp: Beginne mit der Erfassung der wichtigsten Stakeholder und baue dann schrittweise die Themen auf. Die Verknüpfungen zu Prozessen und SWOT können später ergänzt werden.